Zwischen Identität und Integration
2004
Between Identity and Integration
english translated version

Anrede,
sehr geehrte Damen und Herren!

Die Frage nach der Identität ist immer ein wenig beklemmend. Denn sie dokumentiert entweder eine Verspätung oder den Wunsch nach Differenz. Und meistens beides gleichzeitig.

Wer diese Frage stellt, ist mit seinem "Selbst" unzufrieden oder er befürchtet, es verlieren zu können. Und wird emotionell, spricht militant und immer sehr prophetisch. Er muss das Gute für sich und die Seinen in Anspruch nehmen. Identität ist ideologisch. Eigentlich meint sie eine Identifikation mit einem neuen Selbstbild.Auch ich kann nicht so ganz an dieser Gegebenheit vorbei. Ich verspreche Ihnen jedoch, so wenig prophetisch zu sein wie nur möglich. Da ich über Integration sprechen will, und diese eine nüchterne Sache ist.

Zunächst aber zu der Angst um das Selbstbild.

Unlängst sagte ein Politiker im Hinblick auf Europa - um die tschechische Identität bangend: Wir wollen uns dort nicht auflösen wie ein Stück Zucker im Kaffeetopf. Mein Seufzer war: Oh, Manometer, da würden die dort wissen, dass wir süß sind!

Das Neue beängstigte schon immer. Die Furcht aber kann man lockern - mit Erweiterung der Herzen und Hirne. Man kann sie ebenfalls versteifen mit bivalenten Sprüchen. Weiß kontra schwarz, süß kontra bitter, fest gegen flüssig. So, wie das unsere maroden Kaufhausmetaphern tun

Wissend um die mangelnde Süße pochen die Identitätsstifter auf das Bittere, als wäre es eine Art Gabe. Und die Quellen der Identität sind in der Tat sehr bitter. Bei den Persönlichen beginnend, und bei den Kollektiven endend. Das "Ich" der Nationen ist eine heikle Ware. Auf dem Marktplatz des Weltdorfes von heute kaum noch absetzbar. Ja, fast unverkäuflich.

Dabei geht es, falls ich unser Thema richtig verstanden habe, um Identitäten innerhalb der Gesamtmuster der Identifikation. Denn was anderes ist Integration als eben ein Integral zu finden, einen gemeinsamen Nenner, der allen nutzt?

Kein leichtes Soll, in den Jagdgründen der Selbstheit. Das europäische "Ich" ist doch kein nationales im Sinne der klassischen Herstellung der "Wir"-Verwirrnisse. Es ist eher dadurch zu beschreiben, dass es mit dem neuzeitlichen Identitätsbegriff eigentlich im Widerspruch steht.

Das Übliche dabei ist eben die bindende Erinnerung. Es geht um eine Art Familien- und Poesiealbum der Gruppe. Die Taten werden notiert, nicht die Untaten. Die Opfer nicht, die Täter. Das Erlittene mobilisiert zur Korrektur. Und Korrektur zur Fraktur, welche zum Aufwiegen der Pannen dient. Zum geschichtlichen Gleichgewicht, das so die bekannte Fratze erhält. Die so genannten Siege gleichen somit Sägen … an den Ästen des Wachsenden. Darum ist unsere Geschichte keine Schönheit, sondern eine Hexe mit Falten und Warzen. Und darum hasst sie die Spiegel und die Prinzen der Klugheit.

Identitäten sind also prozessuelle Identifikationen - brauchen Wartung und Gedächtnisskuren. Das Vergessen ist nämlich genauso lebensgebend wie das Erinnern. Die Memora-Muster der Großeltern suchen nach Enkelkindern. Man kann sie finden wie die Tschechen und Slowaken durch Trennung oder serbokroatisch, als Wiederholungstäter.

Unsere Familienalben sind voll gestopft mit konträren Bildern. Müsste also eine europäische Identität mit dem Vergessen anfangen - oder mit einem sehr kultivierten Erinnern?

Wir wissen: die Modelle der Milde sind fragil; zumindest im Stadium des Aufbaues. Es ist einfacher, im Namen der eigenen Sache Bivalenz zu betreiben, um reduktionistische Mono-Identitäten als Welterlöser herbeizutöten. Auch wir Europäer haben erst nach zwei Katastrophen diese Art von kooperativem Modus praktiziert.

Damals war das Was und Wo unseres Streben klar. Jetzt wackelt sogar unser Wer. Der Raum der Integration ist vielfältig zersplittert. Hat Wirtschaftszonen - in der ungleichen Effizienz, die Zonen der traditionellen Nähe und die des tradierten Neids. Militärische Allianzen im Umbau und Abbau, drei ethnische Hauptgruppen, mit vielen "Dazwischlern" und "Dazuhinwollenden". Wie Basken und Bulgaren.

Und Religionen! Drei christliche (katholisch, protestantisch, orthodox) und eine islamische. Die letztere hat man in der bipolaren Zeit fast ausgeschaltet und sie meldet sich zurück mit frischer Bivalenz.

Sie sehen, die Integration hat es mit uns nicht leicht. Sie muss nämlich das Integrative entdecken - und dieses muss ein anderes sein als das von uns bis unlängst gern geübte. Ich stamme aus einem Teil Europas, der das erst vor kurzem aufgegeben hatte. Das kommt mir nun vielleicht zu Hilfe, von Konzepten zu erzählen, die zu meiden sind.

Der Zerfall des Kommunismus war nämlich auch ein Zusammenbruch der angestrebten Union. Sie wollte das Gute präsentieren - als das erkannte Ziel der Geschichte. Zart wissenschaftlich verkleidet versprach sie es als Güter - gerecht umverteilt durch eine Nomenklatur von Wissenden. Sie gab sich materialistisch und ökonomisch, verwandelte jedoch alles ins Material der Macht. Gab vor, einen Plan zu haben, nach dem zu handeln ist. Doch dieser plante nur sich selbst und wirkte wie ein Holzwurm im Möbelmagazin, der alles frisst, ohne Umzugschancen.

Diese Union hat sich in ihrer Hymne wie folgt besungen: "Die unzerstörbare Einheit freier Republiken von Russland, dem großen, für ewig geschaffen!"

Wir erinnern uns: es ging um eine Union - zerstörbar, um Republiken ganz gewiss nicht frei - und das ewig große Russland … ist auch klein geworden. Es spielt das Lied zwar wieder, aber die Melodie und der Text sollen sich geändert haben.

Dennoch sind die Formulierungen für unsere Zwecke wichtig. Sie beleuchten die klassische Methode der Europäer, eine Union zu bilden. Unilateral, imperial heroisch, als historische Aufgabe erfasst, die eine sich selbst erwählende Nation zu meistern hat.

Alle Ethnien unseres Kontinents, die größeren am meisten, haben diese Methode angewandt. Alle waren dabei, die feinste Idee unseres Kontinents, die der Menschenrechte, doch noch zu vergröbern. Sie mutierte in den Begriff der Nation, des völkischen oder des arbeitenden Volkes. Sie war zuerst napoleonisiert, dann bismarckisiert und wilhelminisiert, lenino-stalinisiert und zum Schluss verschickelgrubert.

Noch vor sechzig Jahren haben wir die Menschenrechte kontinental abgeschafft. Auf Exklusionsritualen bestanden. Die Identität war für uns ein Streit des ewigen und unmessbaren Vorrangs - ein "Ritualfuturum". Erst dann und nur westwärts waren wir fähig, uns auf den Marktplatz des Präsens zu konzentrieren. Auf dass Messbare, Vergleichbare. Also auf Europa aller Europäer. Dieses erste nicht tribalnationale Lebenskonzept setzte nicht mehr auf das Heil der Träger eines wahres Seins. Es vertagte die Sinn-Frage unseres zeitlichen Herumplagens in das Private - und nannte sich nicht "Euangelion", sondern schlicht und praktisch EU. Sein Erfolg war erstaunlich. Ein Europa endlich integrativ.

Erst als Verlierer waren Europäer Sieger. Erst als Nicht-Heroiker und multilaterale Mitspielende wären sie unikat. Erst die "Abkehr" von der Geschichte machte sie zur Story. Und sie haben sogar die restlichen Mauern der Zoo-Paradiese zu Fall gebracht. Dieses Ende der bipolaren Bivalenz hat jedoch auch paradoxe Züge. Und bedeutet etwas wie den "Nullpunkt", typisch für eine Stille vor dem Sturm.

Die Erweiterung integriert auch diejenigen, die das EU-Integrativ nicht immer erkennen, geschweige denn mögen. Sie denken sich schon Siege im alten Kampfgerüst. Dieses wirkt zwar komisch, doch nur äußerlich, drinnen, in den Köpfen, ist es ziemlich monströs. Sie reden über die Kleinen, die von den Großen gefressen werden könnten, als wäre die EU gleichsam kannibalisch und die kleinen Möpse automatisch schmackhaft.

Und die Erweiterung verführt auch so manche, die das Integrativ eigentlich schon gut übten - doch die sich jetzt wieder größer fühlen. Sie üben die "Grandezza" und vergrämen alle. So kommt die Maxime in Verruf, die so viel Schöpferisches nach sich zog: jeder von uns ist nur "anders" klein. Wir hören also wieder prophetische Parolen und vergessen langsam, dass unser neues Jetzt auch technologisch agiert. Und eine Herausforderung bedeutet, über die "Nützlichkeit" der neuesten Entdeckungen zu entscheiden. Die vielleicht radikalste seit der Zeit der Pyramiden.

Die Gefahr einer futuristischen Utopie, die

a) archaische Reduktion betreibt oder
b) der totalen Machbarkeit der seienden Dinge verfällt,

ist nicht zu übersehen. Euphorie und Horrorszenarios sind so dicht aneinander geraten, dass wir uns das erste Mal eine ganz technisch radikale Frage stellen müssen: Was ist der Mensch eigentlich?

Umso schneller sollte nun die EU ihre Lage klären. Die "Nullpunkte" sind nämlich auch "Sprungpunkte". Wenn dies stimmt, so würde das bedeuten, dass die so typische Formel der Selbstsuche "Wir sind eben wir" geändert werden müsste. Unser Satz müsste nämlich lauten: "Wir sind eben nicht wir."

Das klingt absurd, aber nur dann, wenn man bekannte Selbstidentifikationen sucht. Und nicht die evolutionären. Doch eben hier liegt vielleicht die wahre Quelle der Integration, als Findung und Bindung der lebensgebenden Differenzen.

Unlängst hatte man in Wien im genetischen Bereich das Rätsel der stabilen Weitergabe von Zellinformationen entdeckt - als Ketten, die die Spezialisierung garantieren. Wenn Sie wollen, geht es hier um eine Art der Verpackung, die man schon im weiten Kosmos findet. Man könnte also Identität fassen als einen klugen Knoten in einem guten Netz. Identität integer und intelligent.

Sind wir Europäer aber "verpackbar"

? Nun, mit den alten Methoden gewiss nicht. Unsere Identität ist aber - partiell und insgesamt - als erkannte und erfasste Komplexität zu haben.

Das "Soll" kann man bei dieser Aufgabe als minutiöse Beschreibung des "Haben" definieren. Also umgekehrt als üblich. Praktisch bedeutet dies: Eine Verfassung, die aber den rechtlichen Kredit zusammenfasst und wirksam macht. Die Inklusion als Haupttechnik der politischen Teilnahme.

Da wir keine Nation namens "Europäer" haben, soll die nationale Differenz als systemöffnende Dynamik angewandt werden. Unsere Identität wird somit eher eine politische als machtpolitische Leistung sein. Eine Union ohne "Nation" als Hauptbegriff ist nicht a-national oder antinational. Sie ist nur rational.

Diejenigen, die meinen, hier trockene Anbotskonzepte bekommen zu haben, eine aufklärerische Spätlese oder Ähnliches, übersehen die Tatsache, dass auch die Vernunft als Gesamtheit letztendlich emotional entscheidet. Und eben das Gefühl für das Richtige ist. Für das ähnlich Verknotete.

Was aber ist mit den nationalen Interessen, fragen die Skeptiker sofort: im Modell sind diese ebenfalls entscheidend. Die EU, nur anders einer Rangordnung unterworfen. Na und? möchte man sagen. Erstens wäre das keine feudale Hackordnung, sondern eine Tanzordnung ohne festgeschriebenen Partner, mit der Chance, einmal komparatistisch einen Walzer abzuliefern.

Differenz und Präferenz hängen nicht nur etymologisch zusammen. Da wir bei unserem Identitätskonzept mit keiner göttlichen Präferenz im Voraus für den einen oder anderen von uns rechnen können, entstehen Differenzen als ein doch noch zusammensetzbares Puzzle, dessen Muster weiterführt und andere Varianten zulässt. So, dass die große Einheit kontextuell bleibt.

Einheit - also Union, wenn Sie wollen - die aber der klassischen Identitätsfalle trotzt. Wir erinnern uns an den klugen Franzosen mit seiner Theorie: dass eben ein jedes "Selbst" dazu neigt, dasselbe zu wollen. Dass das "Idem" zu einem "Totem" wird - und totalitär handelt. Ein wahres Wort.

Totalitäre Regime leben Identitäten. Die Sprache als Tautologie (also "Ich bin ich" und "Wir sind wir"). Doch unsere Sprache darf nicht tautologisch werden. Sie muss sich immer für eine neue Metapher parat halten.

Wir müssen hin - in die Polyglotie! Und da landen wir bei einer weiteren Komponente unseres "Selbst". Es ist nicht ohne ein EU-Bildungssystem zu denken - einer Art internationaler Universität, deren Merkmal Trilingualität sein sollte (also die Herkunftssprache, eine Nachbarsprache und eine Hauptkommunikationssprache). Nur so können wir dem bereits internationalen Desperanto unserer Populisten trotzen.

Und wirtschaftlich: den EURO haben wir - im bisherigen Bereich des Machbaren ist er der erste Reim in unserem Gedicht.

Und sicherheitspolitisch sollte abschließend eine gemeinsame euro-atlantische Sicherheitspartnerschaft stehen.

Ich weiß, manche denken mehr an die EU-Identität - hier ganz speziell. Ich nicht. Und ich betone es hier ganz besonders: Da wir unsere Werte mit den Amerikanern gemeinsam aus diesem Europa ableiten, können wir sie auch nicht separat verteidigen, falls wir nicht eine Differenz wollen, die alte Merkmale trägt. Und vielleicht bringen wir den Amis unsere Erfahrung zurück - mit dem unilateral heroischen Gehabe.

Die Entdeckungen im Bereich der Genetik, Nanotechnologie und der intellektuellen Robotechnik geben heute den Ton an. Der genetische Umbau, molekulare Maschinen und "lebendige" Roboter sind eine greifbare, ja mathematisch begründbare Perspektive. Die Beschleunigung der Innovationen setzt sich dabei geometrisch, nicht arithmetisch fort. Die Biosphäre, in der wir als Wesen zu Hause waren, wird zur Neo-Sphäre, in der wir uns erst zu Hause fühlen müssen ... sollen ... wollen?

Die Identitätsfrage ist keine "klassische" mehr.

Und dennoch geben wir immer noch Antworten, als lebten wir in einer Art vorkopernikanischem Weltbild. Die Einfachheit, mit der wir unsere kollektivistische Einzigartigkeit behaupten, erinnert an den geozentrischen Stolz unserer Ahnen. Auch dieser war eigentlich bequemer und "verständlicher". Nichtsdestotrotz ganz falsch.

Was die Identität angeht, so werden wir früher oder später die Welt der Monomanie verlassen müssen. Wir werden weniger einzigartig, aber nicht weniger wertvoll. Unsere Identität als kleiner Planet - kein Gott, keine Sonne mehr. Kann man damit leben?

Man wird es lernen müssen!

Vereinfacht gesagt: Natürlich war jene Aussage vor der "Klon-Ära" getätigt worden, doch nichtsdestotrotz trifft sie auf logische und philosophische Zielsetzungen zu - und auf Unternehmensstrategien bzw. speziell auf diese. Wenn wir keine der totalitären Tautologien wollen, sollten wir versuchen (welche Schuld!), unsere Komplexität zu leben. Jene, die sich nicht von der Vergangenheit belasten lassen und unbeirrbar in die rezeptfreie Zukunft gehen, begegnen ihrer Identität in Form einer Metapher der gegenwärtigen kreativen Freiheit.

Nur sie integriert ohne Zwang und Muss, denn wir befinden uns nicht irgendwo zwischen Identität und Integration - und haben nur eine kleine Chance, uns endlich mit der neuen Komplexität zu identifizieren.

Es gibt nämlich so etwas wie Identität der Integration.

Vielen Dank!