Jiri Grusa, Buchmesse Leipzig 2004:
 

Am 5. Oktober 1921 in London, an einem langen Tisch and naturally at dinner, haben einige wohl situierte und gut bekannte Autoren einen Beschluss gefasst, der eine schon vorher diskutierte Idee realisierte. Sie gründeten - wie auch anders - einen Club.

Da sie "Poets, Essayists and Novelists" waren, also Dichter, Essayisten und Romanschriftsteller, nannten sie ihn PEN. Bei diesem Wortspiel dachten sie an kein PENtagon. Sondern, ganz altertümlich, an den menschenfreundlichen Gänserich, dessen Federn einst zur Herstellung des Schreibzeugs dienten. Damals … als die Schrift noch heilig war und die Verehrung von Bildern Sünde.

Anser, apis et vitelus - Gänserich, Biene und Kalb - regieren die Welt. Behaupteten unsere Ahnen. So animal sollten die Quellen der Buchkunst sein, so ökologisch. Und so mutig wiederholten ihre Schüler diesen Satz einer alten Dame, noch kurz nach 1948, als man bereits das Ende des Lateinischen bekannt gegeben hat, wie auch das Ende der Vielsprachigkeit. Dieses achtundvierzigste war nämlich kein Jahr des Herrn, kein annus Domini. Vielmehr ein anus Historie, das Datum der Machtergreifung. Der Verdauungstrakt der Geschichte, inspiriert durch die Kommunisten, bekam ein tschechisches Häppchen.

Und dennoch - die Ära der Feder, des Wachses und Kalbsleders muss eine herrliche gewesen sein. So überschaubar waren die Machtmittel. So klar die Worte der Wahrheit. Das, was wir heute "Logo" nennen, nannte sich Logos. Das Gute war hell, das Böse dunkel. Und die Schrift dazu da, den Kontrast zu wahren.

Auch die Londoner Herren dachten noch an das Gute, obwohl das Schreiben nicht mehr so leise entstand - und sie selbst hatten das Ihrige in Tastaturen gehauen, jenen des sich so schnell verbreitenden Typewriter. Dennoch sehnten sie sich nach Stille. Und wollten Feinschmecker bleiben. Mochten keine Speisen mehr, nur aus zweierlei Ingredienzien gekocht.

Zugegeben, sie haben einen Krieg erlebt, in dem die Zweiwertigkeit maschinell und so laut vorgeführt wurde, dass man das menschliche Sterben zwar nicht übersehen konnte, aber kaum noch hörte. Und in dem nur das Böse gut war, ungeachtet der Ziele. Und selbst dann schmeckte es nach nichts. Nur die Küche Europas stank danach. Nach Blut und Gedärm. Die alte Innerlichkeit roch nach Innereien. Das Herrische nach Niedertracht. Das Lob der Heimat wurde zum Kauderwelsch der Egomanie. Es kam nicht von ungefähr, das Flüstern zu empfehlen. Zu glauben, dass Literaten nicht mehr die Fabeln der Stämme zu dichten hätten, das ewige Soll der einen und einzigen Geschichte zu bequasseln. Lieber Geschichten - einfach nur so! Am Kaffeetisch oder in der Tee-Stube, bloß zur Erquickung der Hörer. Geschichten ohne Muss und Hass.

Die Londoner Penner bezweifelten nicht, dass auch die Wurzeln dieser stories in einer lokalen lingua stecken. Sie glaubten nur, dass, einmal schon Äste geschlagen, das Verfasste eigentlich im Himmel wurzelt, der allen gehört und alle erhellt. Nicht nur die Scholle der Herkunft. Ja, dass dieses Geäst des Werkes Vergleiche ermöglicht, Ausgleiche schafft, als Gleichnisse des Lebens.

Ich weiß, sie waren naiv. Oder wurden zumindest dafür gehalten. Bei all den realen Leuten der Notwendigkeit, die diese als List der Vernunft dozierten. Und ihre Repressalien repräsentierten. In London dachte man eher an die List der Aufrichtigkeit. Der Unterschied zwischen diesen beiden? Die Erstere braucht Philosophen, die uns schnell erklären, warum etwas Dummes eigentlich so klug ist. Die zweite List riskiert das Kluge bereits am Anfang und bleibt diesem treu - bis zum bitteren Ende. Darum wimmelt es in unseren Hainen nur so von Listigen - und mangelt es an Klugen. Der Baum der Erkenntnis hat eben seine Tücken. Und einige der Äste sind noch immer der Arbeitsplatz der Henker.

Und dennoch: der Mut des Gourmets war sinnig. Vom Blick auf Schlachtfelder geleitet, auf denen all das zerfetzt lag, was man noch gestern für unzerstörbar hielt. Für uralt europäisch. Die Ruinenräume eines Weltkonflikts made in Europe waren noch frisch genug, sie wirkten sehr abschreckend. Und schienen lehrhaft. Fast jeder war froh, den Spuk hinter sich gebracht zu haben. Und die meisten behaupteten frohen Mutes, so etwas würde nie mehr wieder kommen. Und die Euphoriker dachten an Klubs der Milde, Völkergemeinschaften, Friedensinstitute und Friedenspreise.

Die Jahre dieser Hoffnung nannte man golden. In Paris, in Prag, in … Berlin. Einige sprachen vom goldenen Zeitalter, das kommen könnte, ja schon kommt. Nicht unähnlich den Sprüchen von heute und denen nach 1989, als die Wende so unerwartet und scheinbar unverdient, fast umsonst all das weggewischt hatte, was Europa schuf. Den Ersten, den Zweiten und den Kalten Krieg.

Und wir beschworen die Öffnung und rollten die Drähte ein. Revolutionen übten sanft. Und Deportationen wurden vertraglich - als friedlicher Rückzug der nicht gerufenen Armeen. Und wir haben einander versprochen, alles anders zu machen. Schneller, großzügiger und ohne Bitterkeit. Wir wussten doch, dass es nach 1918 nur schlichte 14 Jahre dauerte, bis die Hetzer wieder hetzen durften und das erste Toben in das Zweite mutierte. Bis der kranke Mann, Mr. Eur-Opa, erneut unters Messer musste. Zur zweiten Operation.

Und diese war nur so halb erfolgreich. Denn einige der Glieder landeten im Kühlschrank. Mit damaligen Mitteln nicht zu reparieren. Wir aus Prag und Leipzig kennen das eisige Klima des Schrankes. Und das Trösten aus den wärmeren Feldern: seid froh und ruhet in Frieden. Doch, zurückdenkend, erzittern wir noch immer, wenn man von uns Zeit und Geduld verlangt, die man sich bei uns einst zinsenfrei ausgeliehen hatte.

Und dennoch warten wir geduldig vor den Thermometern auf die versprochene Rücktransplantation. Und schlucken die Ausreden hinunter, man sei sich medizinisch noch nicht ganz sicher.

Wir üben! Einmal wie alte Europäer, das andere Mal wie die neuen Alten. Die Tests sind spannend, jeder kann Partei ergreifen oder zumindest ergriffen sein. Selbst der neue PEN-Präsident hat Grund genug zu glauben, es sei wieder angebracht, das Naive zu loben, also die List der Aufrichtigkeit seiner Vorgänger.

Und er darf vielleicht sein Nachdenken erwähnen, bei der Anreise nach Leipzig. Als er an jenem Denkmal vorbei fuhr, dass sich hierorts mit dem Namen "Völkerschlacht" schmückt - doch hinter den Erzgebirgen mit jenem "der Nationen".

Die "Schlacht der Nationen"! Die kleine tschechische Dolmetscher-Abweichung spricht Bände. Denn die Niederlage Napoleons vor beinahe zweihundert Jahren markiert unseren casus cnactus. Das alte Europa war wieder da. Denn eben hier mündete der große Wurf Europas, etwas neu zu machen, so kleinlich klein. Der Gedanke aus Paris, die Menschenrechte gesamteuropäisch gedacht, haben hier ihren völkischen touch bekommen. Unsere Vorfahren zogen Uniformen an und produzierten Einheit als Uniform. Sie war nicht universal, sondern tribal - aufmüpfig und trotzig. Meinte nur Einfalt, verwandelte Rechte in Vorrechte. Jene fast fromme Eingebung, dass dem aufrecht gehenden Affen etwas zustünde - von Geburt an. Was? Ein Anspruch, nur blindlings? Individuell und unvermittelt. Freiheit und Gleichheit, weil es uns bloß gibt?

Unerhört! Man suchte Korrekturen. Die Tüftler des Typischen fanden bald ihre Typen. Mitgliedschaft in einer Super-Nation. Grande et glamoureuse! Seule et indivisible! Statt des Zeitalters der Menschenrechte begann das Zeitalter der Nationen. Mit seinen Schlachten und Schlagparolen, mit Erbfeindschaften und Erzherzögen. Mit Potentaten und Attentaten.

Alle drei Hauptethnien unseres Kontinents waren nacheinander bemüht, den Begriff der Selbstheit nur für sich in Anspruch zu nehmen. Und jede Runde erhöhte den Preis.

Man wollte nicht nur Gewinne, sondern auch ein hiesiges Soll als himmlisches Haben. Man war sich sicher, die Rechnung zu kennen und wähnte sich fähig, aus jedem Zufall den Fall der Fälle zu machen. Indem man dessen Wiederholung versprach und gewohnt hierarchisch ans Werk ging. Es wurde Erwähltheit säkularisiert und Präferenz als Fatum angebetet. Herkunft als Surrogat der Messbarkeit. Und als Zukunftsgarantie. Und Wahrheit als Machtspiel. Kurzum die Ausschließlichkeit als Schlüssel des Seins. Gleichzeitig fand aber nicht nur die Massenabwertung der anderen statt, sondern auch die Vermassung der Exklusivität. Die Straßen und Plätze unserer Städte waren voll von brüllenden Monkeychiefs, die sich für Rasse hielten - oder Klasse.

Regime, die sich der Ausnahme widmeten, produzierten das Morden als erhabene Praxis der Herstellung des Neuen und Höheren, das jedoch gehorchen sollte - wie Ameisen. Ein schlichtes Dasein reichte nicht aus, das wahre Sein sollte es ersetzen. Erkämpft in "der Letzten Schlacht" oder inmitten der Zange der geschichtslosen Mächte. Und alles zu Gunsten der Menschheit, die uns eben gleicht. Radikale Zweiwertigkeit, bigotte Bivalenz beherrschte die Gemüter. Ein loser Überbau des bloß Geschäftlichen bedeutete nichts, verglichen mit dem Unterbau des wahrhaft Wirkenden und Werktätigen. Die Anbetung der "Hochkultur" stand der Verhöhnung der bloßen Zivilisation gegenüber. Der numerischen Nivellierer, der niedrigen Krämerseelen. Und wir berauschten uns mit der eigenen Zentralität. Hielten uns für eine Art Akku des Metaphysischen, das umso mehr zunimmt, je mehr die Amis und Russkis sich quälen, mit uns gleichzuziehen.

Geschichtslos und geschichtlich! Was haben wir mit diesen Begriffen herumhantiert! Was haben wir alles damit entschuldigt und verschuldet! Unser Traum und unser Trauma waren identisch. Wir wollten Identität per Vereinfachung. Da wir jedoch die Herkunft als Zukunft gedacht haben, wurden wir unsere Vergangenheit nie mehr los. Auch dort nicht, wo sie bloß manisch war. Und wir wurden wie drogensüchtig. Weil wir uns zyklisch verstanden, weil wir nur wiederholen wollten, wiederholten wir Fehler und Frust. Wollten noch einmal dasselbe wie einer, der nach dem Joint sucht, koste es, was es wolle.

Dabei betraten wir eine Welt, in der die Zukunft nur noch als Ankunft zu haben ist. In der sie sich nur selten davon ableiten lässt, was früher war. Der uns so lieb gewordene Sinn der Geschichte haperte also. Die Einsicht darin sah nur das Fragile an unserem Leben.

Das bringt Ängste, da die Angst eben das Sicherste ist, was man sich leisten kann. Bei bad news ist Absatz garantiert. Mit good news wirkst du blöd brav. Evangelisten von heute sind Kakanegelisten. Und haben Zulauf. Und, um etwas selbstkritisch zu werden, rede ich jetzt von uns, den Beitretern. Auch hier möchten die meisten das Neue schön alt. Als wäre der Beitritt eine Art Trittbrettfahrt. Man springt zwar auf, aber nur, um wieder abzuspringen. Möglichst mit Beute.

Dabei ist "Sprung" das richtige Wort. Und die einzige Technik, mit der man heute die Zukunft erreicht. A daring leap heißt es bei den Amis, die diese Weise der future-Beschaffung einst wagten. Als ihnen das Tempo in Europe zu langsam, zu statisch wurde.

Lasst uns doch endlich geschichtslos sein!

Lasst uns jetzt endlich diesen Sprung wagen! Zur Erweiterung der Hirne und Herzen. Es dauert zu lange, das Zögern. Lasst uns dieses Mal die vierzehn, fünfzehn Jahre der Zwischenzeit nicht vergeuden! Es ist die Pause der Halbgeneration, die das Neue braucht, um sich zu erschaffen. Hic Rhodos, hic salta! Jetzt sind wir dran. Wenn auch die Springer in ihren Startlöchern schummeln, nach einer Zeitlupe Ausschau halten, mit der sich das Wagnis doch noch verlangsamen ließe.

Denn je länger wir warten, desto mehr wird auf unseren Dachböden, in unseren Kellern gestöbert und nach den Alben gesucht - mit Bildern von einst. Sie zeigen uns, was wir mögen und womit wir prahlen. Die Fotos sind sorgfältig ausgewählt. Zeigen uns bei der Hochzeit oder mitten im Feiern. Auch Begräbnisse wirken ganz gut. Man sieht uns verpackt und sinnvoll, historisch vollbracht, beschwörbar und wichtig. Vergangen und immer noch da. Man zeigt nur Opfer und Helden, als gäbe es keine Täter und Feigheit.

Tja, die Vergangenheit! Nichts ist doppelsinniger als ihr Eigensinn! Man kann sie bewältigen oder beschwören. Bei der Bewältigung bringst du sie hinter dich, bei der Beschwörung erlaubst du ihr, dich zu vergewaltigen. Ich höre manche bei uns schon lustvoll stöhnen.

Wäre es nicht besser, stattdessen die Kunst des Vergessens zu üben? Sie meint keine Vergesslichkeit, kein Nicht-wissen-Wollen. Sie meint nur ein mildes Gedächtnis, the memory mild, ein kultiviertes Er-Innern. Dies bedeutet jedoch einen neuen Narrativ: also kein Erzählen gegeneinander, sondern gemeinsam.

Schon deswegen, da unsere Verluste gemeinsam sind - gemeinsam europäisch. Nur so sind sie plausibel. Wir haben zwar kein Volk namens Europäer, geschweige denn eine Nation europeane inidivisible et seul, aber wir sind zivil zu haben - in einer civitas, die ihre Verluste kennt - als Preis des eigenen Werdens.

Ihre Bewohnbarkeit fängt mit der Anerkennung der anderen an, deren Schmerz sogar als Erinnerung seine Akzeptanz findet. Übrigens auch - um ein wenig aktuell mitzumischen - die der Deutschen. Es geht um mehr als nur um klassische Vergebung, denn dieses hier ist etwas, was man sich selber gibt.

Nicht die Geschichte - ich wiederhole mich -, sondern Geschichten werden uns freier machen. Vernetztes Erzählen. Mit einem einzigen Kanon: das Wenig-Emotive zeigt mehr Gefühl und ist gerechter zu den eigenen Interessen. Keine Nörglerei also - als Kunst.

Und eine Verfassung soll her, ehestmöglich! Mit einem Satz am Anfang wie: Wir, die Nationen Europas, sind uns endlich dessen bewusst, was unsere Kriege kosten, wollen nun unser Anders-Sein nutzen - als Quelle der Schöpfungskraft … Ich sehe schon: einige lächeln! Die Gourmets aus London planen schon wieder ein dinner! Dieses Mal sogar mit böhmischen Knödeln und Kraut. Ein literarisches Menü als Realpolitik. Eine Union ohne Nation ist doch nur Unfug!

Nun, meine Damen und Herren, erlauben Sie mir eine andere Frage: Wird es Nationen geben - ohne Unionen? Und ohne Treue zu den verfassten Werten?

Und klingt es wirklich so albern, wenn ich jetzt sage: civis Europeanum sum, homo pragensis, linguae bohemicae? Verliere ich dabei mein Ego oder nur meine, unsere Egomanie? Nimmt uns das wirklich Identität? Was für ein manisches, ja erotomanisches Wort letzter Jahre! Es soll uns schützen, doch es entblößt uns. Und macht wehrlos gegen die Falle derselben. Nur diese schnappt zu, perfekt und tüchtig. Und immer schneller als diejenigen, die sich mit ihrem Selbst bereits sicher sind. Denn das Selbst als Pensum bedeutet, dass alle dasselbe wollen und dadurch dasselbe vergeuden.

Lasst uns diverse stories in diversen Büchern erzählen. Lasst uns Bücher verkaufen. Bücher der Nationen. Was für ein neues Signum für Leipzig! Im Übrigen übt man hier längst schon die richtige Attraktivität gen Osten. Inklusion statt Sonderstellung. Teilnahme statt Übergangsfristen. Hier wird die Identität komplex. Rechnet mit einem anderem Wir und macht es zum Teil der eigenen story.

Als ob wir, wie vor Jahrhunderten, noch einmal das geozentrische Modell des Hier-zu-sein verlassen sollten. Diesmal jedoch nicht kosmisch, sondern mikrokosmisch. In uns, für uns, die Menschen des Maßes. Denn auch wir, die Einzelnen, sind keine Kraft, die der Sonne befiehlt. Sondern ein Planet irgendwo, irgendwie nicht ohne seine Umwelt denkbar. Ich weiß, auch dieses andere Weltbild schmeckt nicht so würzig wie früher - und gleich wie früher scheint uns der alte Stolz besser zu passen. Aber nur so lange, bis jemand ein Fernrohr erfunden hat. Die heutigen Wissenden liefern es bereits in Hülle und Fülle. Und machen uns alle ein bisschen kleiner - indem sie öffnen und vergrößern.

Wir werden weniger einzigartig - aber nicht weniger wertvoll. Nur unser Ich und unser Wir wird ein anderes Gut sein. Einfach ein Stern unter Sternen. Keine Gottheit, keine ewige Mitte.

Kann man so leben? Man wird es lernen müssen.

Es wird unser Narrativ sein.

Locken wir seine Erzähler nach Leipzig!